Poldi Stern, der Fiaker

Eine Wiener Mordsgeschichte----- Eine atemstockende Hitzewelle hatte die himmlisch morbide Stadt Wien seit Tagen im Würgegriff. Süßderbe Caféhausdüfte, Blei und sonstiger Großstadtgestank schwamm durch den aufgeheizten Luftbrei, wie eine sterbende Qualle des toten Meeres. Der Pegel der Donau sank täglich. In Grinzing floss der Wein. Wien ächzte und stöhnte, als ob an jeder Ecke, in jedem Winkel ein uraltes Instrument gestimmt wurde. Selbst die Grabsteine auf dem Wiener Zentralfriedhof begannen mehr und mehr zu glühen. Tote spielten Schrammeln. Unzählige fremde Menschen strömten dennoch durch die Donaumetropole. Sehr viele hielten Ausschau nach den Hinterlassenschaften von Sissi, Mozart, Hans Moser. Ältere Touristen meinten den klaren Donnerhall Adolf Hitlers Reden zu hören, den Marsch von Soldaten, vor der Hofburg. Andere tanzten Johann Strauß im Walzertakt, träumten mit Hundertwasser. Sie alle haben nie aufgehört zu träumen, vom unverdorbenen Wien. Doch Wien wäre nicht Wien, wenn Wien nicht so wäre wie es ist, nämlich die lebendigste Tote und der Tote lebt in Wien nun einmal länger als in jeder anderen Stadt auf unserer Welt.Heute marschieren Touristen, samt Digitalkameras, durch die Stadt. Auf der ständigen Suche nach dem dritten Mann. Linkerseits vom Stephans Dom stehen Fiaker in langer Reihe, deren Pferde nickend und in Erwartung verharren. Sie kutschieren die Reisenden und die Verliebten durch die engen Gassen und über die Plätze Wiens, so auch der Fiaker Nr. 36, auf ihm hockte der kauzige Kutscher Poldi Stern. Ein Original seiner Zunft. Eine liebenswerte Mischung aus Strolch, Müßiggänger und Tagedieb, Herumtreiber und ein guter Mensch mit Herz. Tag aus Tag ein fuhr er seinen Fiaker, manchmal pfiff er sogar das Fiaker Lied, von Paul Hörbiger, diesem Wiener Original und dann bekam er ein anständiges Trinkgeld gereicht. Zwei Euro. Unverhofft stand ein Mann vor der Nr. 36 und er handelte den üblichen Preis, um ein Vielfaches herunter. Eigentlich ist jeder Tourist fremd, aber dieser erschien ihm als eine Ausgeburt an Fremdheit. Anschließend deutete der Fremde auf seine drei riesigen Koffer. Ungeheure Ausmaße. Der Fremde ignorierte die sommerliche Hitze. Er trug recht winterliche Sachen, was Poldi Stern wahrlich wunderte. Hat er die Jahreszeiten vielleicht verwechselt oder ist er gar aus einem Irrenhaus geflohen? Der Dialekt des fremden Mannes ließ darauf schließen, dass er mit diesem Land etwas zu tun haben müsste. Österreicher? Die Größe der Koffer ließ eher auf einen Amerikaner schließen. Bisher hatte bei ihm noch niemand eine Fiakertour mit drei so großen Koffern unternommen. Auch den Kollegen ist dies nie passiert. Minihotels in zwei Händen. Kopfschüttelnd willigte Poldi Stern jedoch ein, nachdem der Fremde ihm schneidig sagte, dass er einst in Wien geboren sei. Wien bleibt Wien und in der Familie müsse man wohl oder Übel zusammenhalten. Schmarrn.In den Fiaker einsteigend, bat der Fremde Poldi Stern, ob er ihm die Koffer hinauf reichen könnte. Sein strenger Blick setzte das voraus. Poldi schnaufte nicht schlecht. Der Schweiß lief ihn direkt in die runden Augen, die den fremden Mann andauernd fixierten. Auf die Frage, warum er sie denn nicht auf dem Bahnhof verwahrt habe, antwortete der Fremde kurz und bündig: „Warum sollte ich nicht einmal den Koffern ein Stück von Wien zeigen.“ Dann huschte ein untrügliches Lächeln über sein Gesicht. Er machte es sich bequem und er behielt seine Koffer im Blick. Poldi Stern rückte seine Melone zurecht. Zupfte an Weste und Schnurrbart und lenkte seinen Fiaker Nr. 36 in Richtung Josefplatz. Der Hufschlag der Pferde hallte zwischen den Häuserzeilen. Ob er dem Fremden die Sehenswürdigkeiten erklären soll, wollte Poldi wissen. Sein Gast bejahte, also drehte er sich geschwind auf seinem Bock um. Er ließ die langen Zügel locker in seinen Händen ruhen und fing an zu berichten, über die Nationalbibliothek und Prinz Eugen von Savoyen. Der Fremde platzte plötzlich fröhlich drauf los: "Ja, ja, der liebe Prinz. Ihr Wiener mit eurem schwulen Einfluss. Pfui, wenn ich da an Berlin denke.“ Poldi Stern schaute verdutzt. Was ist schon Berlin gegen Wien. Pah. Diese "vermerkelten" Piefkes, dachte er und schob seine Melone etwas nach hinten und schwieg. Kunde König. Dann fuhren sie an der Staatsoper vorbei. Wiederum korrigierte ihn der fremde Mann spöttisch: "Ihr Wiener scheint mir eine warme Marotte zu haben. Hört. Es waren zwei homosexuelle Architekten die im Liebestaumel halb Wien gestalteten. Himmel, jetzt habt ihr aber was gelernt.“ Wahrscheinlich ist es deshalb heute auch so heiß in Wien, dachte Poldi Stern verärgert. Was denkt der Idiot von uns Wienern. Sann mehr zu warm. Er lenkte seinen Fiaker in den Opernring ein. „Wer hat denn einen warmen Bürgermeister“, sagte er unmerklich. Die Gäule schnaubten und brachen ab und zu seitlich aus, doch die dunklen Scheuklappen erfüllten ihren Zweck. Vor einer roten Ampel mussten sie halten. Ein seitlich stehendes Auto machte urplötzlich einen irren Lärm und gab Gas. Es fuhr auf den Zebrastreifen. Hinein in mehrere Passanten, die entsetzt auseinander sprangen. Ein Aufschrei und auch seine beiden Pferde scheuten wild auf. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Zwei der ledernen Koffer fielen dabei um. Rumms. Der Fremde sprang hastig auf, griff eilig in seine Manteltasche und wischte an einem Koffer etwas fort, was genau, daraus konnte sich Poldi Stern keinen Reim machen. Langsam fädelte sich das Gespann wieder in den laufenden Verkehr ein. „Wir kommen nun zum Parlament“, sagte er und der Fremde nahm dies zum Anlass um auf einen Koffer zu klopfen und sagte vergnügt: "Gleich sind wir da!“ Poldi drehte sich erstaunt überlegend um. Warum spricht der Kerl mit einem Koffer? Koffer sind tot. Toter geht es gar nicht. Nach seinen Erklärungen sprach Poldi den Fremden einfach an: "Wartet ihre Familie in einem Hotel?“ Der Fremde begann zu antworten und es wurde eine Antwort, mit der Poldi Stern im Leben nicht gerechnet hätte. „Meine Frau, mein lieber Sohn und mein alter Vater sind in den Koffern. Gestern lebten Sie in dem kleinen Ort Braunau am Inn. Mein verehrter Vater war früher ein bescheidener Gemischtwarenhändler, ein reiner Sozialist. Kommunist würde ich sagen. Meine Frau war ein Dummchen. Sie arbeitete viele Jahre als Verkäuferin, in einem Gemischtwarenladen, bis Sie arbeitslos wurde und dann traf sie sich mit Türkinnen. Sie glaubte dass diese Menschen viel mehr Familiensinn haben. Ja. Sie konvertierte sogar zum Islam. Heimlich, die Schlampe. Das muss sich einer einmal vorstellen. Eine Hausfrau wird Islamistin. Mein Sohn zog es gleich vor auf Kosten des Staates zu leben. Alle zusammen sind Sie glühende Verehrer Europas und mich hielten Sie nur für einen ewig gestrigen, ja, im demokratischen Gewand. Einzig meine geliebte Mutter Leni hielt zu mir. Sie behütete mich wie ihren Augapfel. Mein Sohn ließ mich Mal von seinen Kameraden verprügeln. Können sie das verstehen. Der eigene Herr Sohn. Und meine liebe Frau bezichtigte mich der Vergewaltigung, nur weil ich, ihr Mann, mit ihr schlafen wollte, wenn ich Lust habe und einmal im Jahr darf man doch wohl die Lust haben. Und mein Vater zeigte mich an, weil ich sein Erbe unterschlagen haben soll. Das sann echte Österreicher. A Geh. Ich musste zum Seelenklempner Prof. Dr. Dr. Ingo Bachmann nach Klagenfurt. Der Studierte hielt mich für einen einfachen Kleinbürger. Ja, heute ist unser Scheidungstermin und nun fahren Sie mich direkt zum Heldenplatz. Ich möchte meine liebe Familie dort aussteigen lassen“, endete der Fremde kurz und nahm diabolische Züge an. Poldi Stern schauderte und als der Fremde weiter sprach, erstarrte Poldi Sterns Blut zu Eis. Der Schweiß schien zu Zapfen zu gefrieren. „Ich habe heute Morgen alle umgebracht, Sie zerstückelt in den Koffern verstaut. Wissen Sie, welchen Fehler die meisten aller Mörder begehen? Sie töten nur die Blätter an den Bäumen, ich die Wurzeln“, und steckte sich ziemlich gelassen eine Zigarette an. Poldi Stern schloss seinen Mund. Der Fremde hatte einen Sonnenstich, grübelte er, aber der Fremde hat am Koffer etwas weg gewischt. „Blut?“, fragte er sich leise grübelnd. Die Hitzewelle spielt scheinbar allen einen bösen Streich und außerdem schau ich in zu viele Krimis, dachte er zur langen Peitsche greifend. Poldi zog die Zügel am gefüllten Heldenplatz straff und half beim Ausladen der Koffer. Der Fremde Mann stieg wieder in den Fiaker und wollte sofort zum Hotel Plaza Vienna. Die drei Koffer blieben allein zurück, was von einigen Passanten mit Erstaunen gesehen wurde. Verloren standen diese nun am Erzherzog Karl Denkmal. „Hunderte Touristen und drei einsame Koffer. Ein seltsames Bildchen“, stellte eine alte mütterlich wirkende Blumenfrau fest. Für Poldi Stern stand fest, dass er die Behörden darüber informieren will, natürlich anonym, man will sich ja auf gar keinen Fall einmischen. Vielleicht ist Sprengstoff in den Koffern. Osama Bin Laden. Vielleicht ist der Fremde ein Terrorrist. Man liest ja viel davon. Kaum das Poldi Stern vor dem noblen Hotel sein Fahrgeld kassiert hatte, griff er zum Handy. Zwei Stunden später, fuhr er die Strecke mit einer japanischen Familie, die Koffer waren verschwunden. „Na bitte schön, wenigstens hat die Polizei sie konfisziert!“ Tage später. Kronenzeitung. Sein Blick fiel auf eine Schlagzeile: Ein Toter. Drei verschwundene Koffer. Ein Herr Karl, 48 Jahre, wurde tot im Hotel Vienna aufgefunden. Die Todesursache ist noch nicht geklärt. Eine genaue Obduktion soll folgen. Dringend gesucht wird Frau Leni Karl. Sie ist 89 Jahre alt. Vermisst werden weitere drei Familienmitglieder sowie Schäferhund Blondi. Ein halbes Jahr später. Im Park von Schloss Schönbrunn fand man jene drei Koffer. In jedem befand sich eine verweste Leiche, in einem Koffer noch ein verwester Hund. Der Fall Herr Karl wird immer mysteriöser, so der Leitartikel. Leni Karl hingegen lebt in einem Heim für Demenzkranke, in Deutschland, in Bayreuth. Sie ist seit Jahren geistig verwirrt. Der Poldi Stern staunte nicht schlecht, als er den Artikel las, während seine Pferde Hafer fraßen. „Da fährt man Touristen und dann so was. Die Welt bleibt mir fremd, nur mein Wien bleibt scheinbar wie es ist!“ Ein Jahr später kam ein Gast auf den Fiaker Nr. 36 zu, mit drei Koffern. Poldi Stern wollte wissen was in den Koffern sei? Der Mann guckte verwundert und sagte, nur so zum Spaß:“ Na, meine liebe Familie!“ Polid Stern gab seinem Pferd urplötzlich die Peitsche und schoss ohne den Gast durch die Gassen Wiens und blieb verschollen. Seitdem gibt es keinen Fiaker Nr. 36 mehr.

Das Konzert    Queen Mum und Jopi Heesters

Seltsame Fische 

 

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